Oskrivna regler

Letzens stand ich an einem Zebrastreifen und wartete, so wie man es in Deutschland macht. Plötzlich ging ein Mann über die Straße, obwohl es noch nicht grün war. So was passiert. Wenn da keine Kindergartenkinder in der Nähe sind und die Straße frei ist, habe ich nichts dagegen einzuwenden. Und selbst wenn ich es gehabt hätte, was dagegen also, hätte ich nichts gesagt. Ich hätte höchstens diskret mit dem Kopf geschüttelt oder leise „Idiot“ gemurmelt. Ganz anders die ältere Frau neben mir. Sie war definitiv keine Schwedin, sondern ganz woanders sozialisiert. Ich nehme mal an, in Deutschland. Sie hat nämlich den Mann, ganz laut in fehlerfreiem Deutsch angeschrien.

Er drehte sich nicht einmal um, sondern ging weiter seines Weges, vielleicht hatte er nicht gehört, dass er angeschrien wurde, vielleicht trug er In-Ear-Kopfhörer und hörte laut Musik oder vielleicht war es ihm total egal.

Dann fing ich an über oskrivna regler in der Gesellschaft nachzudenken. Vor ein paar Wochen hatte ich nämlich mit einigen Gruppen einen Text aus einer schwedischen Tageszeitung gelesen, in dem es darum ging, wie man sich im öffentlichen Nahverkehr zu benehmen hat. Dass man die Leute aussteigen lässt, bevor man selbst einsteigt, keine Füße auf den Sitz legt, den Rucksack abnimmt, wenn es eng ist und für alte Leute, Schwangere und Behinderte aufsteht. Da herrschen in Schweden und Deutschland die gleichen Regeln, da waren sich alle einig.

Aber was ist eigentlich mit lagom Abstand von seinen Mitreisenden halten? Ist ein angemessener Abstand in Schweden anders, als in Deutschland? Und darf man sich wirklich nicht neben jemanden setzen, wenn es woanders im Bus einen freien Zweiersitz gibt? Die Schweden im Allgemeinen wünschen, wenn möglich, einen größeren Abstand zu unbekannten Menschen und wollen auf keinen Fall neben jemandem sitzen, den sie nicht kennen, wenn es nicht absolut nötig ist. Und Reden mit Unbekannten? Nein danke! Wenn also das Ansprechen schon nahezu verboten ist, versteht sich von selbst, dass Anschreien absolut undenkbar ist.

Schon 2017 hat der Student Jackson aus Kenya eine Liste mit oskrivna regler zusammengestellt, damit die Studenten aus dem Ausland sich nicht blamieren. Die Liste hat meiner Meinung nach nichts an Aktualität verloren und funktioniert auch für Nicht-Studenten.  

  • Sag immer TACK.
  • Sei pünktlich.
  • Sprich nicht zu laut in dein Handy – und anrufen darfst du sowieso nur im Notfall.
  • Halte dich einen Meter entfernt von anderen Wartenden an der Bushaltestelle.
  • Drängele dich nicht in der Warteschlange vor und wenn es Nummernzettel gibt, nimm dir einen.

Vokabelhilfe

oskrivna regler                  ungeschriebene Regeln

lagom                               genau passend

Lies die komplette Liste hier: Swedish unspoken rules and codes – By Jackson – study at uu