Feste die die Welt nicht brauchen

Ihr kennt mich, ich wohne seit über 30 Jahren in Deutschland und das sehr gern. Ich mag fast alles daran und ich liebe es, in zwei Kulturen zu Hause zu sein. Aber es gibt etwas, das mich hier nahezu in die Flucht treibt, und das ist, wenn es zwangsmäßig zu ausgelassen wird.

Wenn im Februar erwachsene Menschen sich als Krankenschwester oder etnische Minderheit aus Nordamerika verkleiden und dabei fröhliche, sinnbefreite Rufe von sich geben, während sie sich maßlos betrinken, möchte ich mich verstecken. Und ich kann es auch Ende September nicht gut ab, wenn Bier in badewannengroßen Gefäßen ausgeschenkt wird und man sich dazu anziehen soll, wie Heidi und Ziegenpeter aus Johanna Spyris Alpenroman aus dem vorigen Jahrhundert.

In Hamburg gibt es im Sommer die Paraden Schlagermove und Christopher Street Day. Da ich bei beiden nie so richtig mitgemacht habe, sondern nur ein paar Mal eher aus Versehen da hineingeraten bin, kann ich nicht so genau sagen, wie es da zugeht, aber ich glaube, auch da spielen Kostüme und Getränke eine große Rolle.

Beim Hafengeburtstag und zum Alstervergnügen verkleiden sich nur die jungen Männer und Frauen die svensexa och möhippa feiern. Die Kegelvereine aus dem Umland, die in lustigen Mannschafts-T-Shirts auftreten, gelten nicht als verkleidet und dem allgemeinen Besucher steht die Wahl der Kleidung frei. Die Getränke mischen sich mit Bratwurst, Crêpes, Champignons und Zuckerwatte zu überteuerten Preisen, und dann kann das ausgelassene Feiern starten.

In mehrere Kolumnen habe ich darüber geschrieben, dass ich die Feste feiern möchte wie sie fallen, aber hier gestehe ich, manche Feste möchte ich am liebsten unter den Tisch fallen lassen. Wenn die Feste „Verkleiden“ und „Unmengen an Alkohol“ in „fröhlicher Atmosphäre“ beinhalten, dann bin ich ganz weit weg vom Rummelplatz.

Gottseidank war ich in meiner Jugend nicht so ein Rummelplatzmuffel, denn auf einem norddeutschen Schützenfest habe ich meinen Mann kennengelernt. Zu seinen Gunsten sprach, dass er nicht im Schützenverein war und keine Uniform mit Holzgewehr trug. Und so ist es tack och lov geblieben! Bei uns gibt es weder zum Feiern noch im Alltag eine Kleiderordnung: Jeder darf das anziehen was er will, so lange man nicht friert, schwitzt oder gegen den allgemeinen Anstand verstößt. Und mit den Getränken halten wir es genauso!

Vokabelhilfe

en svensex/a, -or    Junggesellenabschied

en möhipp/a, -or     Junggesellinnenabschied

tack och lov            Gottseidank